Nachtflug in Norwegen

Dominic «Slam» Michel (30) ist F/A-18-Pilot und in Payerne stationiert. Jetzt jedoch trainiert er 14 Tage lang im Ausland: «Nightway» heisst die Nachtflugübung in Norwegen. Geflogen wird – auch mit Überschallgeschwindigkeit – über dem offenen Meer, bei starkem Wind und Regen bisweilen. «Höchste Anforderungen, höchste Konzentration – aber ein grossartiges Erlebnis», sagt Slam.

«Hast du die Nordlichter gesehen? Ja, wunderbar, wie ein grünlicher Wasserfall am Himmel.»Jetpilot

15 Uhr, und schon dunkel. In Norwegen beginnen die Nächte am Nachmittag. In der Schweiz sind sie viel kürzer – und die Vorschriften ganz anders. Dazu kommt: Die Schweiz ist so kleinräumig, dass unsere Jetpiloten aus Rücksicht auf die Bevölkerung einige Manöver nicht über längere Zeit üben können. Über dem Meer jedoch ist der Raum fast grenzenlos.

Über die Wolken

«Wir wollen über die Wolken, übers Wetter», sagt Slam, «auf 15‘000 Meter hinauf.» Heute ist er Wingman (Flügelmann) in einer Luftpolizei-Übung. «Unser Ziel ist wie immer eine safe Operation», sagt Einsatz-Chef Käppeli im Briefing. Zur Ausrüstung der Piloten gehören ein Nachtsichtgerät, feuerfeste Bekleidung und darüber ein Trockenanzug für den Notfall. «Ich schwitze jetzt schon», kommentiert Slam und lacht. Ein Bus bringt ihn und seine drei Kameraden zu den Flugzeugen. Ein Team von 40 Mechanikern ist dafür verantwortlich, dass diese auch im rauhen norwegischen Wetter stets einsatzbereit sind.

«Manöver wie hier kannst du nur als Militärpilot fliegen. Dieser Beruf ist ein Privileg.»Dominic Michel

Kraftvoll, wendig, punktgenau

Es ist sehr kalt, regnet in Strömen, und beim Start bläst der Wind mit über 50 km/h von der Seite. Der Nachbrenner hinterlässt einen feurigen Schweif, der Jet mit der Immatrikulation J-5003 verschwindet in der Dunkelheit. 18 Tonnen sind da mit 72‘000 PS und bis zu 1,8 Mach unterwegs – kraftvoll, wendig, punktgenau. «In der Nacht verliert das Auge das Dreidimensionale», berichtet Slam später. «In der Nacht fehlen da draussen die Referenzen. Ich sehe keinen Horizont, das Licht einer Bohrinsel könnte also auch ein Stern sein. Ich muss mich auf meine Instrumente verlassen.» Und natürlich auf das ganze Team. «Wir sind wie eine Familie hier», sagt Slam, «am Morgen machen wir zusammen Fitnesstraining, am Wochenende einen gemeinsamen Ausflug nach Trondheim.»

Die Nordlichter und das Wetter

Am Abend gibt’s Lachs – man diskutiert und lacht in der gemütlichen Runde. Die Piloten besprechen ihre Erfahrungen auch ausserhalb der Arbeitszeit – Fliegen ist eine Leidenschaft. «Hast du die Nordlichter gesehen?», fragt einer. «Ja, wunderbar», antwortet ein anderer, «wie ein grünlicher Wasserfall am Himmel.» Morgen ist ein Luftkampf mit simulierten Lenkwaffen angesagt. Das Wetter wird erneut eine Herausforderung sein. «Dies verbindet Ørland und Meiringen», erklärt Slam, «die Bedingungen können sehr schnell ändern. Gut, dass wir auch dies hier in Norwegen trainieren können.» Er ist spürbar begeistert von diesem speziellen Einsatz, der auch fliegerisch einige Leckerbissen bietet. «Manöver wie hier kannst du nur als Militärpilot fliegen», sagt Slam. Er schaut in den Nachthimmel, als würde er die Nordlichter sehen und fügt hinzu: «Dieser Beruf ist ein Privileg.»

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